Sozio-emotionales Lernen (SEL):
Digitale Tools zur Förderung
sozialer Kompetenz
Verhaltensauffällig oder überfordert?
Ursachen für auffälliges Sozialverhalten im Schulalltag
Wenn wir über Verhaltensauffälligkeiten sprechen, rückt meist das in den Vordergrund, was sichtbar und herausfordernd ist: Impulsivität, Konflikte, Provokation, wenig Rücksichtnahme – externalisierendes Verhalten. Gleichzeitig gibt es viele Kinder, die nicht laut werden, sondern leiser oder internalisierendes Verhalten zeigen: Rückzug, Überanpassung, innere Anspannung, Vermeidung, Angst- und Depressionszustände. Beides wird im Schulalltag schnell als «verhaltensauffällig» etikettiert, dabei geht es oft um etwas Grundsätzlicheres: Wie gut gelingt es einem Kind, Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und zu steuern? Wie gut gelingt es, in Beziehung zu bleiben, zu kommunizieren, Perspektiven zu wechseln und Konflikte zu lösen?
23.02.2026 11:03 | Lenny Staples
Infobox:
Was ist sozio-emotionales Lernen (SEL)?
Unter sozio-emotionalem Lernen versteht man den lebenslangen Prozess, in dem Kinder und Erwachsene grundlegende emotionale Kompetenz und soziale Kompetenz entwickeln. Es geht dabei nicht nur um «gutes Benehmen», sondern um die Fähigkeit, eigene Gefühle durch effektive Emotionsregulation zu steuern, Empathie für andere zu entwickeln und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. SEL bildet damit das notwendige Fundament für akademischen Erfolg, psychische Gesundheit und ein gelingendes Miteinander in einer zunehmend digitalen Welt.
iPad bieten verschiedene Möglichkeiten, um soziale Kompetenzen zu lernen. (Foto: freepik)
Warum SEL weit über Fachwissen hinausgeht:
Das Fundament für soziale Kompetenz
SEL wird gerade jetzt so relevant, weil Schulen nicht nur «mehr vom Gleichen» leisten, sondern in einem System arbeiten, das sich schnell verändert: neue Tools, neue Anforderungen, neue Rahmenbedingungen – oft gleichzeitig. Dazu kommen mehr Heterogenität und Leistungsdruck, mehr psychosoziale Belastungen, weniger geübte Gesprächs- und Konfliktkultur und Herausforderungen rund um Aufmerksamkeit, Fokus und Selbststeuerung. Inklusion als Praxisaufgabe und Digitalisierung inklusive KI erhöhen die Komplexität zusätzlich.
Herausforderungen der Gegenwart:
Warum Emotionsregulation heute wichtiger ist denn je
Genau hier setzt sozio-emotionales Lernen (SEL) an: nicht als Wohlfühlprogramm, sondern als Fundament und Kompass, damit Lernen, Persönlichkeitsentwicklung und Zusammenleben überhaupt möglich werden. Wir leben in einer Zeit, die von digitalen Medien und Inhalten überflutet ist – und für uns alle stellt sich die Frage, wie wir uns darin gut orientieren. Ich sehe SEL als zentrale Bildungsaufgabe. Gleichzeitig sehe ich, dass übermässiger digitaler Medienkonsum bei vielen Kindern genau jene Basiskompetenzen eher schwächt als stärkt, die wir für Frustrationstoleranz, Impulskontrolle, Emotionsregulation und tragfähige soziale Beziehungen dringend brauchen. Deshalb die Leitfrage: Warum muss Schule mehr sein als Fachwissen – und können digitale Tools SEL im Unterricht stärken?
SEL als Antwort auf systemische Bedingungen
In dieser Lage ist SEL kein «Zusatzprogramm», sondern eine Antwort auf systemische Bedingungen: Es schafft Sprache, Raum und Kompetenzen, die Lernen überhaupt ermöglichen. Und es berührt mehr als das Schulklima – Zugehörigkeit und Bildungsgerechtigkeit, Sicherheit (z.B. weniger Mobbing und Isolation), psychische Gesundheit im Sinn von Förderung und Prävention sowie Fähigkeiten, die für Zusammenarbeit und Selbstführung in der späteren Arbeitswelt zentral sind.
Die Bedeutung des CASEL-Framework
Das Collaborative for Academic, Social, and Emotional Learning (CASEL) definiert SEL als integralen Bestandteil von Bildung und Entwicklung: ein Prozess, durch den Kinder und Erwachsene Wissen, Fähigkeiten und Haltungen erwerben, um gesunde Identitäten zu entwickeln, Emotionen zu managen, persönliche und kollektive Ziele zu erreichen, Empathie zu empfinden und zu zeigen, unterstützende Beziehungen aufzubauen und zu erhalten sowie verantwortungsvolle und fürsorgliche Entscheidungen zu treffen. Das Ziel ist nicht nur «besseres Verhalten», sondern persönlicher und akademischer Erfolg und ein Miteinander, das langfristig gerechter und fürsorglicher wird. Wirksames SEL hängt immer vom Kontext ab und gelingt am besten, wenn Familien, Schule und Gemeinschaft zusammenspielen.
Die 5 Säulen für sozio-emotionales Lernen
Als Orientierung dient das CASEL-Framework mit fünf Kompetenzbereichen:
- Selbstwahrnehmung: Eigene Emotionen und Werte erkennen.
- Selbstmanagement: Erfolgreiche Emotionsregulation und Zielsetzung.
- Soziales Bewusstsein: Empathie zeigen und Perspektiven verstehen.
- Beziehungskompetenz: Kommunizieren, kooperieren und Konflikte lösen.
- Verantwortungsvolle Entscheidungen: Konstruktive und ethische Wahlen treffen.
Entscheidend ist die Umsetzungslogik: Diese Kompetenzen werden nicht isoliert «unterrichtet», sondern in Unterricht, Schulkultur und Beziehungen geübt. Deshalb wirkt SEL nicht durch eine einzelne Lektion über Gefühle, sondern durch wiederholte Alltagserfahrungen. Emotionen dürfen benannt werden, Strategien werden eingeübt, Konflikte werden gelöst, und Zugehörigkeit hängt nicht an Perfektion oder Leistung. Damit das gelingt, braucht SEL Unterstützung auf mehreren Ebenen – Lehrpersonen, Teams, Schule und natürlich auch die Familien. SEL scheitert selten an der Idee, sondern an der Verankerung im Alltag. Klare Leitlinien, eine gemeinsame Sprache und nützliche Tools helfen beim Transfer in die Praxis.
Gerne zeigen wir anhand von Praxisbeispielen, wie Schulen
digitale Tools sinnvoll integrieren und gleichzeitig
ein tragfähiges SEL-Konzept entwickeln.
Wissenschaftlich: Wie SEL-Programme
die emotionale Kompetenz und Leistung steigern
Die grosse Meta-Analyse von Durlak et al. (2011) über 213 universelle schulbasierte SEL-Programme (rund 270’000 Schüler:innen) zeigt Verbesserungen in sozialen und emotionalen Kompetenzen, Einstellungen, Verhalten und auch in der schulischen Leistung. Das korrigiert ein Missverständnis: SEL steht nicht in Konkurrenz zu Leistung, es kann Leistung ermöglichen, weil Selbststeuerung, Motivation und Beziehungsklima Lernprozesse ermöglichen. Es gibt jedoch keinen SEL-Zauberstab. Entscheidend ist die Qualität der Umsetzung. Die Follow-up-Meta-Analyse von Taylor et al. (2017) zeigt zudem, dass Effekte nicht nur kurzfristig messbar sind, sondern in Follow-ups von 6 Monaten bis hin zu vielen Jahren sichtbar bleiben können. SEL ist wirksam, aber als Prozess des Kompetenzaufbaus, nicht auf Knopfdruck.
Digitale Medien im Fokus: Chancen und Risiken
für die soziale Kompetenz bei Kindern
Wenn digitale Medien in der Ursache-Debatte mitspielen, kann Digitales dann überhaupt Teil der Lösung sein? Ein American Psychological Association Artikel (2025) berichtet über Ergebnisse, die eine wechselseitige Verstärkung nahelegen. Mehr Bildschirmzeit erhöht das Risiko für sozioemotionale Probleme, und bestehende Probleme führen wiederum eher zu mehr Bildschirmnutzung (zum Beispiel als Copingstrategie). Für die Schule heisst das nicht «Screens sind schlecht», aber es heisst: Wenn wir SEL fördern wollen, dürfen wir Selbstregulation nicht gleichzeitig permanent unterlaufen durch Reizüberflutung, ständige Verfügbarkeit, schnelle Belohnungsschleifen und zu wenig echte Auseinandersetzung im Miteinander.
Digitale Check-ins als Brücke zur Emotionsregulation
Gibt es digitale Tools, die SEL im Unterricht stärken können? Ja – aber nicht automatisch, und nicht alle. Digitale Check-ins und Reflexion können als Brücke dienen. Ein kurzer, standardisierter Stimmungs-Check-in (z.B. via Formular/QR-Code) macht Muster sichtbar (Montagmorgen, nach Sport, vor Prüfungen), ohne dass Kinder sich vor der Gruppe exponieren müssen. SEL wird es erst durch den zweiten Schritt: gemeinsame Sprache und Strategien entwickeln mit feinfühliger Begleitung.
Emotionsvokabular aufbauen: Der RULER-Ansatz und der Mood Meter
Der RULER Ansatz vom Yale Center for Emotional Intelligence ist ein Beispiel; ein bekanntes Werkzeug daraus ist der Mood Meter, der Emotionsvokabular und Selbstwahrnehmung systematisch aufbaut. Es gibt zudem digitale Ableitungen, die sich am Mood-Meter-Prinzip orientieren, unter anderem die App «How we feel». Emotionsregulation beginnt in der Regel nicht mit Strategien, sondern mit dem Benennen und einer gemeinsamen Sprache für Emotionen.
In der Schule lernen Schüler:innen im Miteinander soziale Kompetenzen. (Foto: Max Fischer / pexels)
Inklusion und Teilhabe durch digitale Barrierefreiheit
Weiter sehe ich Tools, die Teilhabe ermöglichen, wie schriftliche Rückmeldekanäle, unterstützte Kommunikation, Mehrsprachigkeit, und geführte Zugriffe. Dies ist besonders für Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungs- und Lernvoraussetzungen (zum Beispiel Lernschwächen, Autismus-Spektrum, ADHS) relevant. Das ist SEL, weil Zugehörigkeit und Beziehung konkrete Zugänge brauchen. In diesem Feld sind z.B. die Bedienungshilfen von Apple im Alltag sehr hilfreich.
Kooperation und achtsame Nutzung im Klassenzimmer
Zudem können Tools kooperative Lernformen strukturieren und Zusammenarbeit fördern. Es geht nicht darum, das Soziale zu digitalisieren, sondern gemeinsam an Projekten zu arbeiten, mit digitalen Werkzeugen als Unterstützung. Ich denke hier an Apps wie Freeform von Apple, ein unendliches Whiteboard, auf dem Gruppen Ideen entwickeln, diskutieren, Feedback geben und annehmen können. Gespräche, Diskussionen und manchmal auch Konflikte entstehen dabei ganz natürlich. Genau darin liegt das Übungsfeld, wichtig ist immer, dass die Begleitung und Reflexion dazugehören.
Oft werde ich gefragt, was ich von Apps halte, die Achtsamkeit und Selbstregulation niederschwellig anleiten. Ja, ich finde das nützlich, aber sehr dosiert und nicht als Dauerberieselung. Achtsamkeit als Inhalt zu vermitteln ist das eine; achtsam Inhalte zu vermitteln etwas anderes. Für mich steht und fällt es mit der Lehrperson: ob sie selbst kongruent und achtsam ist – oder ob sie es nur macht, weil es im Trend liegt oder verordnet wurde. Entscheidend ist der Transfer und ob das Ganze in einem pädagogischen Konzept verankert ist.
KI-Coaching für Lehrkräfte und kritische Analyse von Belohnungssystemen
Ein Künstlich Intelligenter (KI)-SEL-Coach für Lehrpersonen kann ausserdem als Soundingboard dienen und beim Üben und Transfer unterstützen. Lehrpersonen können damit eigene SEL-Kompetenzen schärfen, Situationen reflektieren, Ideen für Interventionen durchdenken und SEL-Routinen über Wochen konsequent planen und umsetzen. Besonders stark wird das, wenn der KI-Coach als SEL-Experte eingerichtet/gepromptet ist und mit einer klaren Grundlage arbeitet, etwa dem CASELFramework plus schulinternen Leitlinien, Best Practices und Gesprächsleitfäden. Er lernt dann vor allem aus dieser kuratierten Wissensbasis. Datenschutz bleibt zentral, man sollte die Fälle anonymisieren, keine sensiblen Kinderdaten eingeben, nur freigegebene Systeme nutzen und klare Regeln zu Zugriff, Speicherung und Löschung festlegen.
Im Schulalltag sind zudem Plattformen verbreitet, die Verhalten dokumentieren und über schnelle Rückmeldungen steuern, oft mit einem SEL-Label. ClassDojo ist ein typisches Beispiel: Lehrpersonen vergeben für beobachtetes Verhalten Punkte (z.B. „hilfsbereit“ oder „stört“), die Einträge werden gespeichert und können je nach Einstellung von Kindern und Eltern eingesehen werden. So entsteht ein System aus sofortigem Feedback, Sichtbarkeit und Belohnungslogik, das Verhalten in Richtung definierter Kategorien lenkt. Das kann Ordnung und Klarheit bringen, birgt aber das Risiko, dass Beziehung und Lernen in Punktelogiken übersetzt werden und dann eher äussere Anpassung trainiert wird als innere Selbststeuerung.
Überlegst du, wie solche Check-ins technisch
und datenschutzkonform im Schulalltag umgesetzt werden können?
Wir unterstützen dich gerne bei der Auswahl geeigneter Geräte, Plattformen und sicherer Umsetzungen.
Fazit: Warum die Förderung von SEL
die wichtigste «Technologie» der Zukunft bleibt
Braucht es also digitale Tools für SEL? Nein, sozio-emotionale Kompetenzen brauchen keine Technik, um zu funktionieren. SEL braucht Zeit, Beziehung, Raum, Austausch, Konflikte, Strategien und Haltung. Digitale Tools sind dann sinnvoll, wenn sie ein echtes Problem lösen, Routinen stabilisieren, Zugänge schaffen, Lehrpersonen entlasten und Sprache anbieten. Sobald Tools Beziehung ersetzen, Konflikte «wegklicken» oder Selbstregulation zur App-Funktion machen, wird es problematisch. Dann wird Technik Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Der bewusste Umgang mit digitalen Tools ist entscheidend.
Zum Schluss ein Blick nach vorn: In einer Zeit, in der KI, Personalisierung, neue Technologien und Informationsflut weiter zunehmen, wirkt es fast paradox – je technologischer Lernen wird, desto relevanter werden Fähigkeiten, die nicht automatisierbar oder gar messbar sind. Selbstmanagement in einer Welt voller Ablenkung, Beziehungskompetenz in hybriden sozialen Räumen, verantwortungsvolle Entscheidungen im Umgang mit Information, Empathie und Perspektivenwechsel in einer Zeit, in der Polarisierung leicht ist. Schule wird nicht dadurch modern, dass sie mehr Tools nutzt, sondern dadurch, dass sie das Menschliche gezielt fördert. Technik kann dabei unterstützen, aber SEL ist der Kompass, den man auf dem Weg braucht, als verlässliche analoge Technologie, die wir seit Jahrtausenden nutzen.
Sich selbst und die eigenen Emotionen zu kennen, Beziehungen und Kommunikation bewusst zu gestalten und Entscheidungen mit gesundem Menschenverstand zu treffen, genau diese Kompetenzen werden in Zukunft noch wichtiger. Digitale Tools sind dann sinnvoll, wenn sie Kinder beim Erwerb dieser Skills unterstützen und nicht, wenn sie den Unterricht nur reibungsloser machen. Denn es braucht ein gewisses Mass an Reibung, damit Entwicklung in der Schule möglich wird. Genau diese Reibung ist das Übungsfeld für sozio-emotionales Lernen.
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Wir begleiten Schulen von der Konzeptphase über passende Geräte- und Plattformlösungen
bis hin zur konkreten Umsetzung im Schulalltag.
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